Chantah - Der Zauber am schwindenden Horizont
 
  Kontakt
  Der Zauber am schwindenden Horizont
  Herzlich willkommen in Perling am See
  Schatten über Katzberg
  Hedon
  Die Verführung der Nebeltäler
  Alorndora
  Trojanische Gepflogenheiten
  Trojanische Vergnüglichkeiten
  Trojanische Loyalitäten
  Trojanische Mentalitäten
  Trojanische Geheimnisse
  Trojanische Gefälligkeiten
  Trojanische Entblößungen
  Gedichte und Kurzgeschichten
  Gäste-Lyrik
Trojanische Gepflogenheiten


ein Bild
Foto: V. Hesse

Trojanische Gepflogenheiten

Es war ein Sonntagabend um kurz nach zwanzig Uhr, als sich unser Shuttle vom JFK-Airport New York mit direktem Ziel Troja 2 in die Luft erhob. In der mittleren Sitzreihe waren drei Plätze für uns reserviert. Dunn saß in der Mitte, Vanessa zu seiner Linken, ich zu seiner Rechten. Ein brisanter Fall sollte uns bevorstehen, welcher der Detektei Steelwynch erst vor wenigen Stunden von hoher Stelle zugetragen worden war.

Genauer gesagt war es so, dass Dunn mich keine Stunde zuvor zu Hause kontaktiert und zum Flughafen bestellt hatte. Ich sollte Kleidung für ein paar Tage einpacken und mich auf einen Besuch auf Troja 2 freuen. Mehr hatte er nicht preisgegeben, aber dass es sich um einen Fall handeln würde, war mir auch so klar. Ich fuhr per Taxi zum Flughafen und und musste dann ausgerechnet Vanessa Crown, Ex-Studienbekannte und seit nunmehr knapp zwei Wochen leider auch Kollegin bei Steelwynch, an seiner Seite auf mich warten sehen. Lieber hätte ich mit Dunn alleine oder mit irgendjemand anderem gearbeitet, bloß nicht mit Vanessa. Im täglichen Geschehen in der Firma artikulierte ich mich bislang ganz gut mit ihr. Es brauchte schließlich niemand zu wissen, dass wir zu Studienzeiten keine Freundinnen waren und ich sie auch heute noch nicht leiden konnte.

Unser Spacebus hatte die Erdatmosphäre gerade verlassen, als Dunn ein paar Unterlagen aus seiner kleinen Aktentasche holte. Wir hatten einen Mord aufzuklären – noch dazu einen Mord an einer flüchtigen Bekannten von mir.

„Nun, meine Damen, ich habe hier drei detaillierte Broschüren mit allen bekannten Fakten und Einzelheiten zu unserem Fall. Kollege Wirsh hat diese Daten vorab angefordert. Chief Winston, der Sicherheitschef von Troja 2, hat sie mir kurz vor unserem Abflug via Interline zukommen lassen. Bevor wir den Raumhafen erreicht haben, sollten wir sie ausgiebig studiert haben.“

              Er überreichte Vanessa und mir je ein Exemplar. Da während eines Interstellarfluges keine Notepads benutzt werden durften, damit diese nicht versehentlich die Bordelektronik beeinträchtigten, hatte uns Dunn sämtliche Informationen auf geheftetem Papier zusammengetragen.

„Kayla“, sprach er mich an, „Sie sagten vorhin, Sie haben das Opfer flüchtig gekannt. Was hatten Sie mit Miss Michaels und dieser Agentur Bellisare, für die sie tätig war, nochmal zu tun?“

„Unsere Bekanntschaft war nur flüchtig“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Ich habe bei dieser Agentur vorgesprochen. Das war ein paar Wochen bevor ich bei Steelwynch anfing.“

„Vorgesprochen?“, horchte Vanessa auf und lugte neugierig zu mir herüber. „Das ist ein Scherz, oder? Du wolltest Schauspielerin werden?“

„Nein“, gab ich gedrungen zur Antwort. „Es war nur eine kleine Statistenrolle. Und angetreten bin ich sie dann auch nicht.“

„Hmm … hier steht, Miss Michaels war Regisseurin für Theateraufführungen“, las Vanessa mit hochgezogenen Augenbrauen. „Die von ihr bevorzugt inszenierten Stücke waren jene von Julius Alamout, popmoderne Dramen, exzentrisch und voll von dezenter bis provokanter Erotik. Dabei hättest du sicher eine gute Figur gemacht, Kayla!“ Sie grinste mich unverhohlen an.

„Ganz wie du meinst“, antwortete ich ihr.

Es war ihre Art, einem so etwas schmeichlerisch unter die Nase zu reiben. Dunn dachte sich vermutlich seinen Teil darüber, was ich vor meiner Zeit bei Steelwynch für Karrierepläne gehabt hatte.

Eine Zeit lang lasen wir alle drei in den Papieren, dann legte unser Teamleiter sein Exemplar beiseite und ergriff wieder das Wort: „Ich glaube, wir drei werden ein gutes Gespann abgeben“, erklärte er launig und wirkte dabei höchst zufrieden mit sich. „Wie ich hörte, kennen Sie beide sich schon seit den wilden Studienjahren, nicht wahr?“

„So wild waren die gar nicht“, bemerkte ich dazu.

Vanessa aber konnte es nicht dabei belassen. „Oooch … ich erinnere mich da schon an so manch lustige Party, auf der wir beide gewesen sind! Stimmt doch, Kayla?“

              Ich sah nicht hin zu ihr, aber ich wusste ziemlich genau, welch genussvoll triumphaler Gesichtsausdruck ihrem Püppchengesicht nun innewohnte. Während sie auf solchen Partys stets im Hintergrund geblieben war, hatte ich mich manchmal … nun ja … auf ausschweifende Sachen eingelassen. Seit sie bei Steelwynch aufgetaucht war, musste ich befürchten, dass sie eines Tages mit unseren Kollegen über solche Dinge tratschen würde. Mein firmeninternes Ansehen würde vermutlich nicht wenig darunter leiden.

„Nun gut“, sagte Dunn und schlug seine Broschüre wieder auf. „Genug der alten Zeiten! Widmen wir unsere Aufmerksamkeit dem Fall! Terry Michaels hieß das Opfer, nur sechsunddreißig Jahre wurde sie alt. Ihre Leiche wurde gestern Abend um 23:05 Uhr in einem Korridor der Wohnsektion 5/5 gefunden. Laut dem Stationspathologen wurde ihre Luftröhre zugedrückt bis der Tod eintrat, und zwar irgendwann zwischen zweiundzwanzig und dreiundzwanzig Uhr Bordzeit. Des Weiteren muss ihr Kopf kurz vorher gegen eine Wand oder einen flachen Gegenstand geprallt sein – oder umgekehrt. Ihr Kreditchip, die Schlüsselkarte ihrer Agentur sowie auch ein wertvolles goldenes Halskettchen waren noch am Körper, ein Raubmord ist damit ausgeschlossen. Der Täter muss ein persönliches Motiv gehabt haben, sie zu töten. Das bedeutet für uns, wir ermitteln in ihrem engsten sozialen Umfeld. Verschmähte Liebhaber, Arbeitskollegen, die jetzt Chancen auf ihren Job haben, oder enttäuschte Darsteller, deren Leistungen sie nicht gewürdigt hat, werden unsere Hauptverdächtigen sein. Der trojanische Sicherheitsdienst hat bereits ihre engsten Mitarbeiter verhört und ihre Alibis überprüft. Wir werden das natürlich noch einmal überprüfen. Tja, uns steht viel Arbeit bevor, meine Damen. Die Agentur Bellisare vermittelt nicht nur angehende oder professionelle Schauspieler, sie produziert auch selbst Kurzfilme und promotet moderne Bühnenstücke fürs Theater. Der Firmensitz ist in der Rygana-Kolonie auf dem Mars. Das Mordopfer war eine ihrer fleißigsten Regisseure und muss demnach mit sehr vielen Leuten geschäftlich oder auch privat zu tun gehabt haben. Hier steht, sie hatte keine lebenden Verwandten mehr. Ihre Kollegen wissen auch nichts über eine Liebesbeziehung, die sie eventuell gehabt haben könnte.“

              Ich hörte ihm gern zu. William Dunn war zweifellos einer der besten Detektive von Steelwynch. Er war gesunde sechsundvierzig Jahre alt und hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem lange verstorbenen italienischen Filmschauspieler. Auch wenn ich sonst nicht viel über alte Filme wusste, diese Ähnlichkeit war mir schon bei meinem Einstellungsgespräch aufgefallen. In seinen weißen Anzügen und mit seiner vornehm zurückhaltenden Art strahlte er stets Zuversicht und Gemütlichkeit aus, und seine Schlapphüte, von denen er auch im Shuttle einen trug, verrieten wohl eine nostalgische Ader in ihm. Wie gut er aber in dem war, was er tat, erkannte man erst, wenn man einmal mit ihm gearbeitet hatte.

„Das bedeutet für uns, wir konzentrieren uns zu allererst auf ihr Team“, sprach er in ruhigen Worten weiter. „Das wären Anthony Stuck, der Masken- und Kostümbildner, Sybil Reyes, Make-up-Spezialistin, und Edward Rozz, Chefdekorateur und Kulissenbildner. Hmm … all diese bunten Beschreibungen des Opfers sagen mir, dass sie nicht unbedingt eine umgängliche Person war, sondern eher schwierig.“

„Das kann ich bestätigen“, sagte ich, denn es war in der Tat ein sehr zweifelhaftes Vergnügen, sie kennenzulernen. „Sie nahm kein Blatt vor den Mund, war herablassend und zynisch.“

„Wenn sie einen so schlechten Umgangston hatte, vermute ich den Mörder unter den Schauspielern, die sie in letzter Zeit abblitzen lassen oder böse kritisiert hat“, warf Vanessa ein. „Künstler sind sehr empfindlich, wenn es um ihr Schaffen geht.“

„Richtig, Miss Crown“, entgegnete Dunn. „Auch dahin werden wir unsere Recherchen lenken. Eines sticht schon vorab bei diesem Tathergang ins Auge: Es war kein Raubmord und es sieht so aus, als ob der Mörder genug Zeit gehabt hatte. Also warum hat er sein Opfer nicht trotzdem bestohlen, um es wenigstens wie einen Raubmord aussehen zu lassen? Hätten wir es hierbei mit einem vorsätzlich geplanten Mord zu tun, ist der Mörder entweder ziemlich dumm oder er geriet in Panik. Ich tippe daher auf einen Mord im Affekt. Doch lassen Sie uns nichts übereilen.“

 

Troja 2 befand sich derzeit etwa auf halber Strecke zwischen Erde und Mars. Mein letzter Aufenthalt auf der Station war eine Weile her, und den Gedanken an das bevorstehende Wiedersehen hütete ich mit sehr gemischten Gefühlen. Früher war Troja 2 eine lieb gewonnene Zweckheimat für mich gewesen. Ja, früher als ich noch für die GSA (Global Security Agency) tätig war und Troja 2 vom Militär verwaltet wurde, hatte ich dort viel Zeit verbracht. Das war vor meiner Tätigkeit bei Steelwynch, vor der Marsrebellion und vor den blutigen Tagen um Tasmanien. Manchmal kam es mir vor, als lägen diese Ereignisse schon endlos weit hinter mir zurück, aber es war nun kaum ein Jahr her.

Die Zeitverschiebung berücksichtigt, flog unsere Maschine am Folgetag um 1:25 Uhr Bordzeit das breite Flugfeld an, das tief ins Innere des walförmigen Bauwerks führte. Wir checkten aus, holten unser Gepäck ab und stiegen zwischen den anderen neu angereisten Leuten die breiten Treppen zu einer der Passagierbahnen hinab. Dunn war bester Dinge.

„In Sektor 1 wurden drei Quartiere für uns vorbereitet“, erklärte er mit funkelnden Augen. „Nur ein ausgeschlafener Detektiv ist ein effizienter Detektiv, also legen Sie sich noch ein paar Stunden hin! Um 6:00 Uhr treffen wir uns mit Chief Winston.“

„Höflich und doch bestimmend – das mag ich an Männern!“, flüsterte mir Vanessa zu.

              In Sektor 1, wo auch das Verwaltungspersonal des Raumhafens untergebracht war, bezogen wir unsere Quartiere. Meines war gerade groß genug, als dass ich meine Sachen unterbringen konnte. Schlaf hätte mir gut getan, aber mir gingen leider eine Menge Sachen durch den Kopf. Anthony Stuck, Sybil Reyes, Edward Rozz … ich fürchtete, genau diese drei Typen noch von meinem Casting damals zu kennen. Und wenn es denn diese drei wären, an die ich dachte, würden sie womöglich auch mich wieder erkennen. Tja, und ich wusste nicht, wie ich es dann anstellen könnte, dass in Dunns und Vanessas Gegenwart keine Einzelheiten dessen durchsickerten, was damals war und für welche Rolle ich mich da vor sechs Monaten casten ließ. Doch diese drei waren nun mal vorerst unsere Verdächtigen und wir würden sie in ein paar Stunden verhören. Eins würde wahrscheinlich zum anderen führen und schließlich würden es Dunn und Vanessa doch erfahren. Vanessa würde mich aufziehen und die Geschichte bei Steelwynch breittreten, genau wie früher auf dem Campus. Sie hatte sich nicht sonderlich verändert seit damals. Wohl oder übel würde ich wohl dazu stehen müssen, was damals war. Mit der Wahrheit fährt man am Besten, sagt man oft leichthin, und daran wollte ich mich halten. Nichtsdestotrotz hegte ich noch Hoffnungen, ich würde durch geschickte Sprache verhindern können, dass Dunn und Vanessa mehr erführen als sie sollten.

 

Am nächsten Morgen betraten wir um 5:59 Uhr einen weiß verkleideten Raum, den man uns für unsere Arbeit zur Verfügung stellte. Er war nicht groß, und neben einem rechteckigen Metalltisch und Stühlen gab es nur noch einen Kaffeespender und ein paar Keksdosen auf einem separaten Tischlein. Am großen Tisch saßen zwei gut aussehende Männer in hautengen, perlweißen Uniformen. Beide waren um die dreißig Jahre alt, einer blond mit auffällig dunklen Augen, der andere schwarz gelockt. Über Schulter und Brust hatten sie ein feines schwarzes Riemengeschirr geschnallt, an dem in einem Halfter unter dem linken Armlauf sichtbar eine Pistole steckte. Vor ihnen auf dem Tisch lagen drei Notepads und einige Fotos ausgebreitet. Die beiden standen nicht auf, als wir eintraten.

„Guten Morgen, ich bin Marcus Winston, Sicherheitschef“, sprach der Blonde mit tiefer Stimme. „Und das ist Second-Chief Blake Jericho.“

„Angenehm“, sagte Dunn. „William Dunn von Steelwynch. Das sind meine Mitarbeiterinnen Vanessa Crown und Kayla McLeod.“

              Die beiden musterten uns eingehend.

„Nehmen Sie Platz“, meinte der Blonde dann mit einem freudlosen Gesichtsausdruck. „Alle vorhandenen Unterlagen über Terry Michaels und die Agentur Bellisare finden Sie auf den Pads hier: Protokolle aller Aussagen mit Fotos, den Pathologie-Bericht, außerdem eine Liste aller, die in den letzten sechs Wochen mit dem Opfer beruflich zu tun gehabt haben.“

„Wir haben uns während des Fluges schon über den Fall kundig gemacht“, sagte Dunn. „Dennoch, Mr. Winston, erzählen Sie uns noch einmal kurz mit Ihren eigenen Worten, was Sie von der Mordnacht wissen. Sind das Aufnahmen vom Tatort?“

„Der Tatort wie wir ihn vorfanden. Entdeckt wurde die Leiche von einem Mann namens Richard Ashton um 23:05 Uhr in einem Korridor von Sektion 5/5. Ashton wohnt in Quartier 32, die Leiche lag sozusagen vor seiner Tür, als er nach Hause kam. Er alarmierte sofort die Sicherheit. Ein Trupp unter Second-Chief Jerichos Führung brachte den Leichnam nach 1/11 in unsere Pathologie. Dr. Bourke diagnostizierte Tod durch Strangulation. Der Mörder hat sie wahrscheinlich mit seinen bloßen Händen erwürgt.“

„Das ist das Opfer?“, fragte Vanessa mit einem verächtlichen Unterton, als sie eins der Fotos betrachtete.

„Das ist sie“, bestätigte Winston. „Terry Michaels, Regisseurin bei der Agentur Bellisare. Wie Sie sehen werden, haben ihre drei engsten Mitarbeiter Stuck, Rozz und Reyes, die zu ihrem ständigen Team gehörten, sowie auch fast alle anderen, die an ihrem aktuellen Projekt beteiligt waren, ein sehr wackliges Alibi. Sie probten im Theatersaal in Sektion 8/8. Später verließ das Opfer den Ort, während die Verbliebenen die Kulissen abbauten beziehungsweise über ihre Rollen plauderten. Keiner will sich darauf festlegen, ob nicht doch jemand vorübergehend die Räumlichkeiten dort verlassen hat oder nicht.“

              Vanessa betrachtete noch immer das Foto. „Hässliches Kostüm“, proklamierte sie übertrieben schaudernd. „Diese Frau war tatsächlich Regisseurin? Mit diesem Haarschnitt und dem Gesichtsausdruck wäre sie auch als TOGS-Ausbilder durchgegangen.“

              Winston legte drei runde blaue Plaketten auf den Tisch. „Wenn Sie das hier vorzeigen, werden Ihnen meine Leute überall hin Zutritt gewähren. Verlieren Sie die Dinger nicht!“

„Sehr detailliert, diese Unterlagen“, bemerkte Dunn, während er sein Pad studierte. „Sie zeugen von hoher Professionalität und werden uns die Arbeit sehr erleichtern.“

              Winston senkte seinen Blick gelangweilt auf die Tischfläche und stand auf. „Ich habe diesen Job nicht wegen meiner hübschen Augen, Mr. Dunn“, merkte er an. „In meinem Team sind sehr fähige Leute – leider keine Detektive. Nur darum sind Sie hier.“

              Im Hinausgehen meinte er noch: „Ich überlasse Sie jetzt ihrer Arbeit! Sie haben zwei Tage Zeit. Länger können wir die Sache nicht mehr vor der Presse geheim halten. Und wir wollen ihnen den Mord mitsamt dem Mörder präsentieren. Soviel zu ihrem Zeitplan. Wenn ich helfen kann, Sie erreichen mich über die Zentrale.“

„Wir kommen darauf zurück, danke“, erwiderte Dunn. „Ein fähiger junger Mann“, meinte er weiter, nachdem der Sicherheitschef, gefolgt von seinem Second-Chief, durch die Tür verschwunden war. „Wenn er es richtig anstellt, hat er sicher eine große Karriere vor sich.“

„Ich finde ihn arrogant und eingebildet“, sagte Vanessa. „Und von wegen hübsche Augen.“

              Auf dem Tisch fand ich die Fotos jener drei engsten Mitarbeiter Terrys, und bei diesen drei handelte es sich – wie ich bereits befürchtet hatte – um genau jene drei Personen, die damals neben Terry bei meinem Casting anwesend waren. Der buschige Braunbärtige war Anthony Stuck, der finster blickende Blondschopf war Edward Rozz, und Sybil Reyes suggerierte mit ihrer dick umrandeten Brille und dem zu einem Schopf geflochtenem schwarzen Haar den Typ einer biederen Vorzimmerdame.

„Nun denn, mit diesen dreien werden wir anfangen“, sagte Dunn. „Anthony Stuck, Kostüme, Edward Rozz, Kulissen und Sybil Reyes, Make-up. Zunächst aber gehen wir sämtliche Unterlagen durch, die uns Mr. Winston bereitgestellt hat. Wir arbeiten alle Aussagen derjenigen durch, die mit dem Opfer in letzter Zeit zu tun gehabt haben, vielleicht erkennen wir Zusammenhänge. Anschließend besuchen wir diesen Richard Ashton, der die Leiche fand, und dann erst gehen wir zu diesen drei Herrschaften. Kayla, erkennen Sie einen dieser drei zufällig wieder?“

„Ja“, antwortete ich notgedrungen. „Sie alle drei. Sie waren damals anwesend, als ich mich für diese Rolle vorstellte.“

„Interessant. Das könnte uns von enormem Nutzen sein, da Sie diese Personen vielleicht schon etwas einschätzen können. Wie lange ist Ihre Begegnung noch mal her?“

„Etwas mehr als sechs Monate.“

„Glauben Sie, die werden sich an Sie erinnern?“

„Je nachdem was sie beim Casting für einen Eindruck hinterlassen hat“, stichelte Vanessa und schmunzelte mir tiefgründig zu.

Wir arbeiteten die Unterlagen durch. Sie waren in der Tat sehr gründlich zusammengestellt worden. Auch über die Agentur erfuhren wir eine Menge. Finanziell stand sie offenbar sehr gut da, hatte aber einige Prozesse am Hals.

Gegen 8:00 Uhr suchten wir diesen Richard Ashton in seinem Quartier direkt am Tatort auf. Er war ein ziemlich dickleibiger Mann, der es auch während unserer Befragung nicht lassen konnte, immer wieder von einem übergroßen Sandwich zu beißen.

„Das war vielleicht was, sag ich Ihnen! Ich mache hier mit meiner Frau ein paar Tage Urlaub und werde in einen Mordfall verwickelt – und darf nicht mal darüber reden! Ja, kein Witz, das haben die mir streng untersagt! Ich war da also in Curtis´ Bar und schaue mir das Spiel an! Dann will ich kurz vor elf ins Bett, und was finde ich? Eine tote Frau, die im Gang zu meinem Quartier liegt! Das müssen Sie sich mal vorstellen! Ich werde mein Mietgeld zurückverlangen! So etwas ist doch unzumutbar, oder nicht? Ich meine …“

„Mr. Ashton“, unterbrach ihn Dunn. „Uns interessiert vorwiegend, ob Sie an diesem Abend noch jemanden in Sektion 5/5 gesehen oder gehört haben.“

„Den Mörder meinen Sie? Nein, da war niemand außer der Toten. In der ganzen Sektion bin ich niemandem begegnet. War totenstill an dem Abend!“

    Um es kurz zu machen, etwas wirklich Interessantes oder Neues hatten wir von ihm nicht erfahren können, deshalb machten wir uns bald darauf nach Sektion 8/8 auf, wo die Agentur Bellisare eine ganze Kette von Räumlichkeiten für sich angemietet hatte. Es folgte das unvermeidliche Zusammentreffen mit Stuck, Rozz und Reyes, vor dem ich mich so sehr gefürchtet hatte. Dunn fragte, ob es ein Zimmer gäbe, in dem wir ungestört reden konnten, daraufhin führten die drei uns in einen großen Raum, in dem all erdenkliches Gerümpel herumstand: abgenutzte Holzschränke, ausgemusterte Kleiderständer, Kulissenfragmente, Latten und Leisten, ein großer Globus der Erde, Kartons und ein paar robust aussehende Kisten. Sitzgelegenheiten gab es keine, aber Stuck setzte sich auf einen ausgedienten alten Hocker und Sybil nahm auf einer kunstvoll bemalten Truhe Platz. Alle übrigen blieben stehen.

„Nun, ich hoffe, Sie werden uns einige wichtige Fragen beantworten können“, sagte Dunn und blickte erwartungsvoll lächelnd in die Runde.

„Sie sind also Detektive?“, resümierte Sybil in einem überaus ehrfürchtigen Tonfall.

„So ist es, Miss Reyes“, antwortete Dunn. „Nun denn, lassen Sie uns beginnen!“

    Bevor er fortfahren konnte, kam dann leider Stuck zu Wort. „Detektive, ja?“, brummte er und stierte mich mit seinen kleinen Kulleraugen an. „Wie auch immer, dich habe ich schon mal gesehen! Natürlich! Du warst doch schon mal bei uns!“

„Na klaaaar …!“, meldete sich auch Sybil. „Du kamst mir auch gleich bekannt vor! Kayla, nicht wahr?! Klar, ich erinnere mich! Kayla ist dein Name! Du bist jetzt Detektivin? Wie geht das denn?“

    Dass sie mich erkannt hatten, war mir bereits mehr als unangenehm, aber jetzt stellten sie auch noch unangenehme Fragen.

„Berufliche Veränderungen bringen etwas sehr Erfrischendes mit sich“, erklärte ich schlicht. „Ich dachte, ich versuche es auch mal.“

„Na, das nenne ich aber einen Zufall! Und ausgerechnet du untersuchst jetzt Terrys Ermordung! Oder ist es vielleicht gar kein Zufall?“

„Vielleicht finden wir später noch Gelegenheit für Plaudereien“, sagte ich. „Jetzt haben wir diesen Mord aufzuklären und nicht viel Zeit dafür. Wir haben eine Menge Fragen an euch! Was wollte Terry in Sektion 5/5 und wer wusste davon?“

„Hoho … jetzt haust du aber ganz schön auf den Tisch, Mädchen!“, meinte Stuck.

„Beantwortet meine Frage!“

„Sie wollte jemanden für die Show nächsten Samstag anwerben“, antwortete Rozz, der hinter Stuck mit verschränkten Armen an einem altertümlichen Schrank lehnte.

„Werden Sie deutlicher, Mr. Rozz“, ermunterte ihn Dunn.

„Das Stück, das wir derzeit einspielen, hat am Samstag Premiere. Eine Komparsin ist vor ein paar Tagen abgesprungen. Terry erwähnte mehrmals, dass sie vielleicht Ersatz in Sektion 5/5 wüsste. Dass sie nach der Probe wieder dahin wollte, dürften so ziemlich alle gewusst haben.“

„Mit alle meinen Sie das gesamte Set?“, fragte Dunn.

„Ja. Insgesamt fünfundvierzig Leute.“

„Miss Michaels wollte also eine Ersatzdarstellerin anwerben. Wen? Und warum stieg die Urbesetzung aus?“

„Wen? Tja, das hat sie nicht gesagt. Jedenfalls mir nicht. Und dass Schauspieler urplötzlich ihre Meinung ändern, ist nichts Neues. Diese Künstler und Möchtegern-Künstler halten sich doch alle für was Besonderes. Fragen Sie nur mal Ihre durchlauchte Kollegin wie schnell man in der Branche seine Einstellung ändert … und absagt.“

    Mistkerl!, hätte ich ihm am liebsten ins Gesicht geschallt.

„Darunter leidet dann natürlich das Stück“, meinte Dunn noch immer Rozz zugewandt.

„Unter Umständen.“

„Gibt es nicht für jede Rolle üblicherweise eine Zweitbesetzung?“

„Nur für die tragenden Rollen. Für die Komparsen gibt es keine.“

„Mr. Stuck“, läutete nun Vanessa ein, „Sie sind nicht nur Maskenbildner, Sie waren auch Miss Michaels´ Co-Regisseur. Es heißt, Sie wollten schon immer lieber Filme machen, anstatt Theateraufführungen. Jetzt, da Miss Michaels tot ist, übernehmen Sie nicht nur das Team, Sie können sich mit ihm auch frei entfalten und neue Wege gehen. Wie überaus günstig für Sie und Ihre Karriere, was?“

„So etwas kannst du dir sparen, Schätzchen!“, erwiderte Stuck. „Ich habe meine Aussage bereits vor dem Sicherheitspersonal gemacht! Ich werde mich nicht wiederholen!“

„Das klingt für mich so, als wären Sie nicht besonders an der Lösung des Falles interessiert.“

„Treib es nicht zu weit, Süße“, ermahnte er sie finster. „In solchen Angelegenheiten verstehe ich nur bedingt Spaß.“

    Irgendwie waren sie alle drei sehr verschroben, vielleicht normal in dem Gewerbe. Keiner von ihnen konnte mit Bestimmtheit sagen, ob jemand vom Set Terry gefolgt war, als sie das Theater an dem bewussten Abend verlassen hatte. Auch kamen keine neuen Verdachtsmomente gegen einen der dreien oder einen anderen der 45köpfigen Truppe während des Gesprächs auf. Wir zogen uns in unseren Raum in Sektor 1 zurück, um uns zu beraten.

„Stuck ist der einzige von den dreien mit einem klaren Motiv“, resümierte Vanessa. „Aber ich bin sicher, wenn wir tiefer graben, findet sich auch für die anderen beiden eins.“

„Das denke ich auch“, sagte Dunn. „Exzentrische Persönlichkeiten, wie Miss Michaels es offenbar war, haben viele Feinde. Wir brauchen Zeugen! Und wir müssen herausfinden, wen Miss Michaels als Ersatz anwerben wollte, denn diese Frau hat sie vermutlich zuletzt lebend gesehen – außer der Mörder selbst, versteht sich!“

„Darüber hinaus …“, fügte Vanessa hinzu, „müssen wir noch die anderen Schauspieler und Bühnenarbeiter befragen, sowie Terrys persönliche Sachen durchsehen, die der Sicherheitsdienst in ihrem Quartier sichergestellt hat. Teilen wir uns auf?“

„Ja, das tun wir“, bestätigte Dunn. „Dennoch werden wir nicht einzeln Befragungen durchführen. Wir machen das immer wenigstens zu zweit. Zu leicht vergisst man ein paar Details.“

„Wir sollten auch die Quartiere unserer Verdächtigen inspizieren“, schlug ich vor. „Dazu bräuchten wir allerdings das Einvernehmen von Chief Winston.“

„Werden wir bei Bedarf“, sagte Dunn. „Aber alles zu seiner Zeit. Kayla, sehen Sie sich in Sektion 5/5 um. Versuchen Sie Zeugen aufzutreiben! Miss Crown und ich nehmen uns indessen die Schauspieler und Bühnenhelfer vor, die an jenem Abend im Theater zugegen waren.“

    So stellten wir es an. Ich machte mich auf den Weg nach 5/5. Das Gespräch mit Stuck und den anderen war, was meine persönlichen Interessen anbelangte, noch ganz gut verlaufen. Dunn und Vanessa wussten bisher lediglich, dass ich die Rolle damals nach dem Casting abgelehnt hatte. Mehr brauchten sie nicht zu erfahren.

 

Ich kam natürlich zu einer eher ungünstigen Zeit nach 5/5, um nach Augenzeugen zu suchen. Am Vormittag waren viele Bewohner arbeiten, und auch wenn nicht, mussten sie sich nicht zwangsläufig in ihren Quartieren aufhalten. Troja 2 hatte eine Menge Unterhaltung zu bieten und war unlängst auch ein gern gewähltes Reiseziel der transkolonialen Prominenz geworden.

Von feinen Phosphorröhrchen, die in regelmäßigen Abständen wenige Zentimeter unter der Decke angebracht waren, fanden sich die etwa zweieinhalb Meter breiten Korridore auf graublauem Panelboden angenehm beleuchtet. Das Licht, das sie spendeten, war hell genug, wirkte aber ganz und gar nicht aufdringlich. Ich schlenderte durch die Unzahl von Gängen, und wie von unsichtbarer Hand geführt, stand ich plötzlich vor Quartier 55, wo so manche Erinnerungen in mir aufkeimten. Viele Nächte hatte ich früher da drin verbracht, und viele Pläne waren darin geschmiedet worden, damals als Troja 2 noch als Gemeinschaftsprojekt von der Mars- und den Erdregierungen unterhalten wurde, und etliche Zeit bevor ich bei Steelwynch angefangen hatte. Quartier 55 in Sektion 5/5, ja, da drin hatte unsere geheime Gruppe oft Rat gehalten, als wir eine groß angelegte, imperialistische Verschwörung von Militärs und Politikern aufdecken wollten. Viel war seitdem geschehen. Wir hatten die Marsrebellion nicht verhindern können, und der frühere Stationskommandant General Jeffrey O´Neill von den vereinten, britannischen Streitkräften, sowie sein gesamter Führungsstab waren durch die Intrigen unserer Gegner des Hochverrats beschuldigt worden und galten seit einer Kampfhandlung auf einer Insel nahe Tasmanien offiziell für tot. Unsere Gegner waren uns weit überlegen gewesen, doch wir hatten damals kaum eine andere Wahl gehabt. Nachdem Troja 2 dann an den Finanzmogul A. J. Simmons übergegangen war, zerfiel unsere Gruppe ganz.

Der Anblick dieser Nummer 55 brachte mir viele Erinnerungen zurück. Kein Namensschild des jetzigen Bewohners glänzte unter dem Türsummer. Früher hatte dort sehr wohl ein Name gestanden: Lucia LaBar. Lucia war eine mehr als gute Freundin von mir. Auch sie war in jener geheimen Gruppe gewesen, und mehr als einmal hatten wir zusammen dem Tod in die Augen geblickt. Tja, wir hatten damals eine Menge erlebt.

Lucia, Neuseeländerin, hatte wohl die ungewöhnlichste aller mir bekannten Karrieren hinter sich. Mit zwanzig wirkte sie in ein paar Pornofilmen mit, dann ging sie für mehr als sechs Jahre nach Japan in ein Dojo und eröffnete danach eine eigene Kampfsportschule auf Troja 2. Dort lernten wir uns kennen. Als ihre Schule geschlossen wurde, ging sie zum Theater – und prompt wurde sie hier auf Troja 2 von irgendeinem Typen von der Stellar-Movie-Corporation entdeckt. Ihr erster Film Stardust, in dem sie in der Hauptrolle glänzen durfte, war noch wenige Wochen früher in den Kinos gewesen, und er war ein wahrer Kassenschlager, wie es hieß. Tja, und nun war sie mit ihren gut dreißig Jahren ein viel versprechendes, neues Filmsternchen. Lucia war es auch, die mich damals auf einer Party mit Terry Michaels, dem Mordopfer, bekannt gemacht hatte. Ich schwelgte noch in Gedanken, da vernahm ich plötzlich eine flötende Stimme hinter mir:

(...)

Bilder: www.Pixelio.de
ein Bild
Foto: V. Hesse

Autor: Thomas Neumeier
 

 
  Autor: Thomas Neumeier  
Heute waren schon 12 Besucher (12 Hits) hier!